... und der Läufer?
Obwohl sein Lauf nach Sparta die viel größere Leistung war, und alle
griechischen Tageläufer die Helden der Sportgeschichte sein müssten,
hat doch die Legende des einen Laufes ein Wort in die Welt getragen,
das für Ausdauer, Willen und Durchhaltevermögen steht und heute
Millionen Läufer animiert: Marathon! Zum Gedenken erfunden für die
ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen. Terra-X, ZDF, 2004
Die
griechischen Kolonien in Kleinasien proben 500 vor Christus in
Kleinasien den Aufstand gegen die persische Besatzungsmacht. Nur die
griechischen Stadtstaaten Athen und das kleine Eritrea unterstützen die
Städte am Ionischen Meer. Die Städte Milet und Ephesos halten sechs
Jahre lang durch, bis der Aufstand von den Persern blutig
niedergeschlagen wird.
Nur wenig nachtragend sinnt der Persische
Großkönig auf Rache gegen die beiden unterstützenden Städte. Eritrea
wird direkt vernichtet und die Bevölkerung versklavt - und Athen liegt
nicht weit entfernt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Perser
Athen angreifen und damit die Basis der westlichen Demokratie wie wir
sie heute kennen und lieben vernichten, nicht ob.
Die nur 20
km entfernte Insel Ägina ist mit den Persern verbündet, so gibt es nur
ein Thema in Athen, das zu dieser Zeit diskutiert wird. Wann und wo
kommen die Perser.
Wohl auf den
Hinweis des nur 25 Jahre zuvor
entmachteten letzten Tyrannen (heute Monarch, sachlich richtig jedoch
Diktator) Athens, Hippias, landeten die Athener in der Nähe von
Marathon mit 600 Kriegsschiffen, weil in der großen Ebene die große
Reiterei eingesetzt werden kann und einige Griechen sofort überlaufen
sollten. Zum Vergleich: Athens Kriegsflotte ist unbedeutend, die
Stadt eine reine Handelsmacht. Keine einzelne griechische Stadt konnte
zu damaliger Zeit der persichen Macht trotzen. Die Perser
waren keine Unbekannten. Sie galten als unbesiegbar. Sogar
Apoll sollen sie Opfer gebracht haben, um die gegnerischen Götter milde
zu stimmen, dies berichtet zumindest der Vater der Geschichtsschreibung
Herodot. So entwickelte sie in Athen eine hitzige Debatte, die in
der Abstimmung zwischen den 10 Generälen zu einem patt führte - 5 zu 5
lautete das Ergebnis der Abstimmung.
So
entschied die Stimme des Oberbefehlshabers Kalimachos, den
Miltiades, der durch den langen Aufstand der Kolonien in Kleinasien
überzeugt war, dass die Weltmacht verwundbar sei, zu überzeugen: "In Deiner Hand, Kallimachos, liegt es jetzt,
entweder Athen in Knechtschaft zu versetzen oder zu befreien und damit
dir ein Andenken zu hinterlassen, solange überhaupt Menschen leben.
Bleibt diese Stadt in dem Kampf Sieger, dann ist sie imstande, die
erste unter den hellenischen Städten zu werden ... Sofern sich die
Götter unparteiisch zeigen."
Kalimachos
stimmt zu und schickt den Tageläufer Pheidippides nach
Sparta um die stärkste Militärmacht Griechenlands um Hilfe zu
bitten.
Wahlrecht in Athen hat zu dieser Zeit jeder, der sich
die teure Ausrüstung eines Kriegers leisten kann und sein Blut für die
Stadt gibt. Diese rund 10000 Soldaten stehen Anfang September 490 vor
Christus auf den Hügeln bei Marathon und warten, was die Eindringlinge
machen. Da ihnen rund 70 bis 80'000 Perser gegenüberstehen,
können sie, verstärkt durch 1'000 Plataner nur auf die Hilfe Spartas
hoffen. In zwei Tagen legt Pheidippides die über 200 Kilometer Laufweg
nach Sparta zurück und überbringt die Nachricht: "Lakedaimonier! Die
Athener bitten Euch, Ihnen zu helfen und es nicht geschehen zu lassen,
dass die älteste Stadt unter den Hellenen in die Knechtschaft
barbarischer Männer fällt. Schon ist ja Eretria geknechtet und Hellas
um eine namhafte Stadt schwächer geworden." Er wird zurück geschickt
mit der Botschaft, dass sie, wie es die Götter gebieten, beim nächsten
Vollmond aufbrechen. Das wird noch ein paar Tage dauern. Es ist
durchaus denkbar, dass der frühere Tyrann Athens, Hippia, diese
Entwicklung vorhergesehen hatte. Die Perser haben es sich unterdessen
in Marathon gemütlich gemacht (Anmerkung aus eigener Erfahrung, das
kann ich verstehen, da kann man auch im November noch prima baden) und
warten ab. Die durch Hippia vorhergesagten Überläufer sind
ausgeblieben. Kein einziger Athener schlug sich auf die Seite der
Perser. Das führt dazu, dass der persische Heerführer dazu neigt
abzuziehen. Der Tag der Entscheidung auf dem Schlachtfeld ist
der 11. September 490 vor Christus. Die Perser haben bereits begonnen
ihre Pferde auf ihre Schiffe zu verladen und nahmen die aus ihrer Sicht
handvoll Athener nicht mehr Ernst. Miltiades hat einen kühnen
Plan: Durch einen Sturmlauf von 1'500 Meter, der Strecke die
zwischen den Reihen der Athener und Persern liegt sollen die Perser
überrascht werden. "Die Perser hielten das Beginnen der
Athener für Wahnsinn, der nur deren gänzliche Vernichtung zur Folge
haben könne, angesichts dessen, dass sie eine Minderzahl darstellten
und diese im Laufschritt heraneilte ohne über Reiterei oder
Bogenschützen zu verfügen" so der Historiker David Scahill. Doch
die Überraschung gelingt dann der Schnelligkeit. Die Athener
unterlaufen die Pfeile der Perser, soweit diese überhaupt noch zum
Einsatz kommen, so wenig Zeit bleibt ihnen. Die griechische
Kriegsaufstellung, die Schlachtreihe, scheint selbst im Lauf zu
halten. Miltiades verstärkt seine Flanken zu lasten der eigenen
Mitte um die Feinde in die Zange zu nehmen. Das gelingt. Wer von den
eingekreisten Persern noch kann, der flieht. Das verdeutlichen folgende Zahlen: 6'400 Toten Persern stehen nur 192 Athener und 11 Plataner gegenüber. Trotzdem
fliehen die Perser nicht auf Ihre Schiffe um nach Hause zu segeln,
sondern nach Athen. Zwar haben sie empfindliche Verluste hinnehmen
müssen, vermuten aber, dass Athen ungeschützt ist. Der Landweg ist zwar
näher, der Weg über das offene Meer jedoch schneller. Pheidippides
erreicht Marathon und trifft auf Miltiades, der ihn nach 460 bereits
gelaufenen Kilometern noch einmal losschickte - um Athen zu
warnen.
"Die Figur des Pheidippides bringt große Dramatik in die
Geschichte. Der allen Widrigkeiten zum trotz los läuft und es doch nach
Athen schafft, um die Geschichte zu erzählen. Aber wo die Wahrheit
liegt, wissen wir nicht" so der Historiker David Scahill. Auch
die jungen Krieger, die Bürger Athens, die die Schlacht bei Marathon
siegreich überstanden hatten, machten sich auf den Weg nach Hause - im
Laufschritt. Den Heimathafen müssen sie vor den Persern erreichen.
Vielleicht müssen sie dort auch noch einmal kämpfen. Auch Pheidippides muss rennen - als Herold der Freiheit. Deutlich schneller als das Heer. Sein Lauf wäre sonst sinnlos.Die Perser kommen zu spät. Und
drehen ab. Der Sieg der Athener ist jetzt erst vollkommen. Die Jungen
werden jenes Athen aufbauen, das bis heute bewundert wird und die Basis unserer Demokratie bildet. Ihre
Toten bestatteten sie erst Tage später, im Grab von Marathon - heute
ein Nationalheiligtum. So trafen die Spartaner, die der
Legende nach, das Schlachtfeld nach einem Gewaltmarsch von
drei Tagen noch unversehrt erreichen auf ein beinahe unverändertes
Schlachtfeld und so Herodot: nickten anerkennend und zogen wieder ab.Was
davon Dichtung und was davon Wahrheit ist, wird im Detail nicht mehr zu
ergründen sein. Herodot, der zum Zeitpunkt der Schlacht bei Marathon
bereits geboren war erwähnt zwar den Botengang des Pheidippides nach
Sparta - ein Lauf über 240 km, den er in weniger als 48 Stunden
zurücklegte, nicht jedoch seinen Tod bei der Ankunft in Athen. Dieser
taucht erst rund 600 Jahre später erstmals in den Überlieferungen auf. Ein
Deutscher erinnerte sich an den legendären Lauf. Genauer ein gebürtiger
Bayer, noch genauer ein Pfälzer und ganz präzise der kleine Michel -
nicht aus Lönneberga - sondern aus Landau in der Pfalz, dessen Eltern
den Familiennamen Liebmann auf Erlass Napoleons ändern mussten. Der
gläubige jüdische Familienvater Liebmann entschied sich für die
Anfangsbuchstaben Benjamin-Rachel-Elias-Abraham und Levi also Bréal -
Michel Bréal. Der auch aus diesem Grunde in vielen Veröffentlichungen
fälschlicherweise als Franzose bezeichnet wird. Doch Landau war bereits
seit 1815 bayerisch und Bréal wurde erst 1832 geboren. Bréal
ein Freund Coubertains trat an diesen heran bei der Umsetzung seiner
Idee einen Langstreckenlauf von Marathon nach Athen durchzuführen, der
nach Möglichkeit nach dem Startort heißen solle. Der Olympiagründer
Pierre de Coubertain stand diesem Vorschlag skeptisch gegenüber
unterbreitete diesen jedoch dem Veranstalter und dieser war begeistert.
Seit dem Jahre 1821 hatte in der griechischen Revolution die
Bevölkerung gegen die herrschenden Osmanen gekämpft. Erst durch das Londoner Protokoll
vom 3. Februar 1830, vom Osmanischen Reich am 24. April anerkannt,
wurden Zentralgriechenland, der Peloponnes und die Kykladen zum
selbständigen Staat Griechenland erklärt. Der Vorschlag Bréals, wurde
von den Athener Olympia-Organisatoren freudig begrüßt, berührte mit
dieser Idee die patriotische Gefühle aller Athener und Griechen in dem
jungen griechischen Staat und damit deren Identität. Am
10. April 1896 startete um 13:56 Uhr, am vierten Tag der
ersten olympischen Spiele der Neuzeit, die olympische Disziplin,
die wie keine andere untrennbar mit den Olympischen Spielen verbunden
sein wird und beide gemeinsam, Seite an Seite, einen Mythos bilden. Der
Marathonlauf. Damals noch 40 Kilometer lang. Den Spyridon Louis,
ein berufsmäßiger Wasserträger, in einer Zeit von 2:58:50 Stunden
gewinnt. Griechenland hat einen neuen Nationalhelden.Etwas
mehr als 114 und ein halbes Jahr später mache ich mich auf den Weg.
Sechs Wochen zuvor hatte ich mir noch einen Bänder- und
Kapselriss im linken Sprunggelenk zugezogen und weitere sechs Wochen
hatte ich wegen einer Plantarfasziitis kaum trainieren können. So
betrachtet bin ich mit einer Tapering Zeit von insgesamt 12 Wochen
wenigstens gut erholt am Start.
Vor diesem Hintergrund war natürlich das einzige Ziel, das ich mir
gesetzt habe: ankommen. Schließlich möchte ich ja an diesen Marathon
ein Häkchen machen - und insgeheim denke ich schon, dass eine Zeit
unter fünf Stunden drin sein sollte.
Der
Bustransfer von Athen nach Marathon funktioniert völlig problemlos und
vor Ort gibt es deutliche Hinweise darauf, dass eine Deutsche Firma mit
im Boot ist: DB Schenker übernimmt den Transport der Taschen ins Ziel.
Auch ansonsten ist für alles gesorgt. Es sind ausreichend
Dixi-Klos vorhanden und aufwärmen kann man sich auch nicht jeden
Tag in einem Olympischen Stadion. Ich mache noch letzte Bilder,
bevor der Startschuss fällt und mit ihm die bunten Ballons in den
Himmel steigen dürfen.  Der
Start verläuft wie alles hier reibungslos. Er wird zudem durch
die Blockabfertigung entzerrt. Wenigstens die ersten Kilometer
verlaufen eben, ab Kilometer 7,5 geht es bis Kilometer 32 gefühlt
ständig bergauf. ...und schon auf den ersten Kilometern muss eine
komplette Garnison in historischen Gewändern, angereist aus
Deutschland, der Missachtung aufgestellter Dixi-Klos Tribut zollen
(siehe Bild oben).
Ich bin anfangs noch gut unterwegs, bei
Kilometer 5 in rund 30 Minuten unterhalte ich mich mit einem Läufer aus
österreich, der just hier und heute seinen 25. Marathon läuft und seine
komplette, abgearbeitete Liste auf dem Rücken spazieren trägt.
Insgesamt rund 1200 Deutsche waren im übrigen am Start - also
jeder zehnte. Jeder fünfte kam gar aus den USA - insgesamt waren 106
Nationen am Start vertreten.
Wir umrunden das Grab von Marathon, wo ich mich vor dem Denkmal Miltiades fotografieren lasse.
Auch
bei Kilometer 10 bin ich noch gut unterwegs. Knapp über eine Stunde.
Doch ich merke bereits, dass dies heute nicht mehr lange gut geht. Es
ist dabei weniger die fast auskurierte Fußverletzung, vielmehr sind es
die falschen Socken bei über 20° Celsius. Ich stehe schon lange im
eigenen Saft und die Blasen lassen auch aufhorchen, hinzu kommt, dass
meine Kondition - nach 3 Monaten trainingsfrei - bestenfalls für einen
Halbmarathon ausreicht. Nach einem Halben kommt bei einem ganzen aber
stets noch ein Halber. Deshalb nehme ich bereits bei Kilometer 18
sämtliche Geschwindigkeit raus und marschiere - ab jetzt gilt es
endgültig olympisch: dabei sein ist alles. Als ich die
Halbmarathonmarke erreiche, ist der Sieger bereits im Ziel.
...Fortsetzung folgt.
Quellen für die historischen Aussagen: Terra-X, German Road Races, Wikipedia,Monatszeitung des Athener Flughafens |